Wordsearch, 2002
The New York Times, Temporäres Projekt im öffentlichen Raum der Stadt New York, realisiert in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank im Rahmen der Kunstreihe »Moment«

Vorder- und Rückseite von vier Doppelseiten der New York Times, auf welchen täglich die Aktiennotierungen verzeichnet sind, werden mit hierfür ausgesuchten Wörtern bedruckt. Diese Wörter werden durch eine sich ständig fortsetzende Sprachkette von vor Ort lebenden »Native Speakers« zusammengetragen, und somit werden möglichst alle in New York gesprochenen Sprachen erfasst, zugleich aber auch in alle in New York gesprochenen Sprachen übersetzt. Als translinguistisches Interview konzipiert, soll jede in New York gesprochene Sprache »zu Wort« kommen.

Durch die Anordnung der vielen klein gedruckten Wörter in Kolumnen, ähnlich den Zahlen auf den Seiten der Aktienkurse, entsteht auf diesen der Zeitung neu hinzugefügten Seiten ein feines Grau-Muster, das vorgibt, Tausende von Informationen zu geben, und welches durch die Auswahl der Wörter vielfältige Denkrichtungen, neue Geschichten, Vorstellungen und Bilder erzeugt. Zu solch ausgewählten Wörtern, die in allen Sprachen vorkommen und jeweils anders lauten und geschrieben werden, kommen Wörter aus dem 20. Jahrhundert dazu, die als Lehnwörter in unterschiedlichen Sprachen phonetisch und orthographisch unverändert Verwendung finden, z.B. computer, political correctness, culture, online, partner, hifi, mobbing, savoir vivre etc. Diese Wörter werden, auch wenn sie beispielsweise in den USA, Deutschland, Italien, Mexiko etc. gleichermaßen in Englisch bzw. Französisch verwendet werden, für jede Sprache noch einmal aufgeführt. So entsteht zum einen eine Art Zeichnung oder Muster von unterschiedlicher Komplexität, abhängig von der Vielzahl unterschiedlicher bzw. gleich lautender Nennungen, beipielsweise der Wörter »nein« einerseits, »computer« andererseits; zum anderen ergibt sich ein Bild der Stadt New York und der Vielfalt der in ihr lebenden Nationen und Kulturen.

Zugleich reflektiert das Medium Zeitung seine eigene Funktion der Nachrichtenübermittlung und der Kommunikation sowie die dafür gewählte Codierung, das gedruckte Wort. Es entsteht ein Thesaurus, eine Wortsammlung, die »schwache« von »starken« Wörtern unterscheidet und die als das Ergebnis einer anthropologisch-linguistischen Recherche angesehen werden kann. Während »starke« Wörter wie Vater, Mutter, Bett, Brot, Haus etc. in jeder Sprache unterschiedlich lauten, erweisen sich »schwache« Wörter wie Computer, Automobil, e-mail als zeitabhängig gerade aufgrund ihrer unbeschränkten Transfer-Fähigkeit in jede Art von Kultur.

Das in der New York Times gedruckte Diagramm stellt somit nicht nur ein Bild der Stadt New York dar, sondern auch ein Bild jener allen Bewohnern der Erde wichtigen Grundbegriffe. Insofern zeugt es auch von der Resistenz fundamentaler Wörter und Werte und damit der jeweiligen Kultur, die sie verwendet, gegenüber dem Konformitätsdruck durch die gastgebende Kultur. Der Leser findet auf der Seite, die sonst den Aktiennotierungen vorbehalten ist und somit in Bezug zu Bankgeschäften steht, neben den vielen anderen Kulturen, mit denen er lebt, durch die Verwendung seiner Sprache seine eigene Herkunftskultur repräsentiert.

Das temporäre Erscheinen dieser Seite in New York ist ein Zeugnis des Respekts vor kultureller Identität wie Zeugnis kultureller Heterogenität. Durch Bezugnahme auf die vielen in New York anzutreffenden Sprachen ergibt sich das diagrammartige Bild einer Metropole, wie es nur diese Stadt repräsentieren kann. Das Projekt wurde im Oktober 2002 realisiert.

K. S.