1:9,6, 2002
3D Bodyscans der lebenden Person
Gipsmaterial, Pigment
Während der Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart im Frühjahr 2002 bot sich dem Besucher die Möglichkeit, ein naturgetreues plastisches Abbild ihrer Person im Massstab 1:9,6 herstellen zu lassen.
Bevor die Besucher diese Gelegenheit ergreifen konnten, sollten sie freilich wissen, dass sie damit schon den ersten Schritt eines künstlerischen Konzepts umsetzten, dem eine Reihe von weiteren Schritten folgten: Bis zum Ende der Ausstellung verblieben die Besucherporträts im Wechselausstellungsraum der Staatsgalerie und waren dort als Exponate zu betrachten. Anschließend gingen sie als Teil der ständigen Sammlung in den Besitz des Museums über, der die Kunst vom Mittelalter bis in die Gegenwart umfasst. In diesem Moment aber - und darin lag die Pointe des Konzepts von Karin Sander - wurde der Besucher zum Stifter. Zu der neu erworbenen Identität bekannte sich der Porträtierte symbolisch dadurch, dass er einen Unkostenbeitrag in Höhe von 80,- Euro entrichtete, und umgekehrt wurde sie ihm von der Künstlerin bestätigt durch ein signiertes und die gestiftete Figur abbildendes Zertifikat. Jede »Stifterfigur« ist ein nummeriertes Unikat und trägt den Namen der Person als Titel.
Das Erscheinungsbild seines Porträts verantwortete allein der »Stifter«; denn anders als das traditionelle Model, das für den Künstler posiert, um sich von seiner Hand nachbilden zu lassen, bestimmte er autonom - wie vor einem Spiegel - die Wiedergabe von Haltung und Ausdruck seiner Person. In wenigen Sekunden vom 3D Body-Scanner vermessen und in der Form von Daten über ein eigens erstelltes Computerprogramm als STL-File einem 3D Farbstrahldrucker zugeführt, baute sich dieses »Spiegelbild« verkleinert zwar, doch detailgetreu und ohne jede Manipulation in wenigen Stunden gleichsam selbstständig in allen drei Dimensionen wieder auf. So ist es nur folgerichtig, wenn Karin Sander von ihren Figuren als Selbstporträts spricht.
Der Dargestellte zeigt sich selbst. Welche Rolle spielt dabei die Kunst? Sie begibt sich der Funktion des Zeigens, Verweisens und Deutens und schafft stattdessen nur erstmal den Rahmen, in dem das Gesehene anders als gewohnt oder in einer anderen Perspektive als der eingeübten, alltäglichen sich darstellen und wahrgenommen werden kann.
Das von ihr in dieser Form konzipierte Verfahren entwickelte die Künstlerin in Zusammenarbeit mit der Firma Tecmath AG, Kaiserslautern.
Gudrun Inboden